Sekundäre Traumatisierung – Wenn Angehörige das Erlebte mittragen
Sekundäre Traumatisierung beschreibt psychische Belastungsreaktionen, die bei Angehörigen von Rollstuhlfahrern auftreten können – besonders wenn der Rollstuhl Folge eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung ist. Während sich vieles um den Betroffenen dreht, erleben Partner, Eltern oder enge Freunde das Geschehen emotional oft genauso intensiv. Dieser Artikel erklärt verständlich, was sekundäre Traumatisierung bedeutet, wie sie sich äußert – und warum sie nichts mit Schwäche zu tun hat.
Als der Unfall passierte.
Als die Diagnose kam.
Als klar wurde: „Das Leben wird jetzt anders.“
In diesen Momenten steht scheinbar eine Person im Mittelpunkt.
Aber oft stehen zwei, drei oder zehn daneben – und fangen innerlich genauso an zu wackeln.
Sekundäre Traumatisierung bedeutet nicht, dass Angehörige „übertreiben“.
Es bedeutet, dass das Gehirn sehr gut darin ist, Stress mitzuerleben.
Und zwar richtig gut.
Was da eigentlich passiert
Wenn ein geliebter Mensch plötzlich im Rollstuhl sitzt, läuft im Kopf der Angehörigen oft ein innerer Actionfilm:
- Bilder vom Unfall
- Krankenhausgerüche
- Intensivstations-Piepen
- Gespräche mit Ärzten
Der Moment, in dem klar wurde: „Das wird dauerhaft.“
Der Körper speichert sowas.
Manchmal besser als der USB-Stick, den man seit 2008 sucht.
Das kann sich zeigen durch:
- Schlafprobleme
- innere Unruhe
- Reizbarkeit
- übermäßige Sorge („Fahr bitte nicht alleine!“)
das Gefühl, ständig auf Alarm zu sein
Und jetzt kommt der wichtige Punkt:
Das ist kein Drama-Queen-Modus.
Das ist Nervensystem.
„Aber mir ist doch gar nichts passiert…“
Stimmt. Und gleichzeitig doch.
Angehörige erleben Ohnmacht.
Kontrollverlust.
Angst.
Und manchmal die stille Frage: „Was wäre gewesen, wenn…?“
Sie funktionieren. Organisieren. Trösten. Recherchieren.
Und schieben ihre eigenen Bilder und Gefühle elegant unter den Teppich.
Spoiler: Der Teppich wird irgendwann hügelig.
Typische Gedanken von Angehörigen
- „Ich muss stark sein.“
- „Jetzt geht es nicht um mich.“
- „Ich darf nicht auch noch zusammenbrechen.“
- „Er hat es schlimmer.“
Alles verständlich.
Aber Gefühle vergleichen ist ungefähr so sinnvoll wie Schmerzen in Prozent zu messen.
Trauma ist kein Wettbewerb.
Warum das nichts mit Schwäche zu tun hat
Unser Gehirn unterscheidet nicht perfekt zwischen „selbst erlebt“ und „emotional extrem nah miterlebt“.
Empathie ist wundervoll – aber sie hat Nebenwirkungen.
Wer stark mitfühlt, speichert auch stark mit.
Und genau deshalb brauchen Angehörige manchmal genauso:
- Gesprächeprofessionelle Begleitung
- Entlastung
- die Erlaubnis, selbst wackeln zu dürfen
Und jetzt die gute Nachricht
Sekundäre Traumatisierung ist behandelbar.
Und sie bedeutet nicht, dass man „kaputt“ ist.
Sie bedeutet, dass man ein Mensch ist.
Ein Mensch, der etwas Schweres erlebt hat.
Auch wenn er dabei nicht im Krankenhausbett lag.
Was hilft?
- Offen über eigene Gefühle sprechen
- Austausch mit anderen Angehörigen
- psychologische Beratung oder Therapie
- bewusst kleine Entlastungsinseln im Alltag schaffen
- nicht immer der „starke Part“ sein wollen
Und manchmal hilft auch einfach dieser Satz:
„Mir ging das auch richtig nahe.“
Fazit
Wenn der Rollstuhl durch Unfall oder schwere Erkrankung ins Leben kam, verändert das nicht nur eine Person.
Es verändert ein System.
Und in diesem System dürfen alle Gefühle Platz haben.
Auch die derjenigen, die „nur“ danebenstanden.
Denn danebenstehen kann verdammt anstrengend sein.
Kleine FAQ – Sekundäre Traumatisierung bei Angehörigen
❓Was bedeutet sekundäre Traumatisierung genau?
Sekundäre Traumatisierung beschreibt psychische Belastungsreaktionen bei Menschen, die ein traumatisches Ereignis nicht selbst erlebt, aber emotional sehr nah miterlebt haben.
Zum Beispiel Partner, Eltern oder enge Freunde eines Menschen, der nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt.
❓Ist das wirklich ein „echtes“ Trauma?
Ja. Auch wenn die betroffene Person nicht selbst im Krankenhaus lag, kann das Gehirn Stress, Angst und Ohnmacht intensiv speichern.
Das Nervensystem unterscheidet nicht perfekt zwischen „selbst erlebt“ und „emotional extrem nah miterlebt“.
❓Welche Symptome können auftreten?
Typische Anzeichen sind:
- Schlafprobleme
- innere Unruhe
- Reizbarkeit
- übermäßige Sorge
- Vermeidungsverhalten (z. B. Unfallorte meiden)
- wiederkehrende belastende Gedanken oder Bilder
Wichtig: Symptome können auch erst Wochen oder Monate später auftauchen.
❓Ist das nicht übertrieben? Schließlich sitzt jemand anderes im Rollstuhl.
Nein. Belastung ist kein Wettbewerb.
Angehörige erleben Kontrollverlust, Angst und Ohnmacht – das sind starke emotionale Erfahrungen.
Mitfühlen ist keine Schwäche.
❓Wann sollte man sich Hilfe holen?
Wenn die Belastung:
- länger anhält
- den Alltag spürbar einschränkt
- Beziehungen belastet
- oder das Gefühl entsteht, „nicht mehr richtig runterzukommen“
Dann ist es sinnvoll, mit einem Arzt oder Psychotherapeuten zu sprechen.
Früh reagieren ist Stärke – nicht Versagen.
❓Geht das wieder vorbei?
In vielen Fällen: Ja.
Mit Gesprächen, Unterstützung und gegebenenfalls therapeutischer Begleitung kann sich das Nervensystem wieder stabilisieren.
Der Körper kann Stress speichern –
aber er kann ihn auch wieder loslassen.